Fünf Kirchen und ein Luftballon

Benediktbeurer Studierende unternahmen Exkursion nach Augsburg

»Wir sind hier kein Karnevalsverein. Wir sind eine Kirche. Schaffen Sie bitte den Luftballon hinaus.« Mit unmißverständlichen Worten bringt der Mesner des Augsburger Doms zum Ausdruck, daß nach seiner Ansicht das Mitbringsel der jungen Frau in einem Gotteshaus nichts zu suchen hat. Also steht die Theologiestudentin Brigitte (23) auf, geht vor die Kirchentür und bindet den blauen Gasluftballon an ein Geländer – in der Hoffnung, ihn nach der Besichtigung dort wiederzufinden.

Dabei hätte sich der Mesner den Hinweis auf den kirchlichen Charakter des Doms durchaus sparen können. Denn natürlich war den Studierenden der PTH Benediktbeuern, die am 5. Juni 2004 unter der Leitung von Professor Pater Norbert Wolff SDB die schwäbische Bischofsstadt besuchten, klar, wo man sich befand.

Die Benediktbeurer Gruppe vor dem Augsburger Dom

Das »Zeitalter der Konfessionalisierung« stand auf dem Stundenplan – und da die Stadt Augsburg mit ihrer langen Tradition des friedlichen Zusammenlebens von Katholiken und Protestanten für Pater Wolff »so etwas wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch« ist, lag es nahe, eine Exkursion dorthin zu organisieren.

Erster Programmpunkt war der Dombereich. Stefanie (22), die Referentin des Tages, sprach hier über die Augsburger Reformationsgeschichte. So erfuhren die Seminarteilnehmer, daß im Jahre 1530 in der bischöflichen Residenz die »Confessio Augustana« übergeben wurde, das »Augsburger Bekenntnis«, das heute noch eine zentrale Lehrgrundlage für die evangelisch-lutherischen Kirchen darstellt. Pater Wolff erläuterte einige bauliche Besonderheiten des Doms, etwa die romanische Simpert-Krypta, den – relativ groß geratenen – gotischen Ostchor und die spätbarocke Marienkapelle.

Vom Dom ging es zum Rathaus aus dem frühen 17. Jahrhundert, das zu den bedeutendsten weltlichen Renaissancebauten nördlich der Alpen zählt. Hier wurde die Stadtherrschaft thematisiert: Über viele Jahre regierte ein katholisch dominierter Rat eine mehrheitlich protestantische Stadt. Wenige Schritte den Berg hinab – und man gelangte zur evangelischen Barfüßerkirche, in der einst Bertolt Brecht konfirmiert wurde.

Unweit dieser Kirche betrat die Seminargruppe dann wieder eindeutig katholisches Territorium. Die Fuggerei, die als älteste Sozialsiedlung der Welt gilt, verdankt sich einer Stiftung der reichen Kaufmannsfamilie Fugger aus dem frühen 16. Jahrhundert. Hier können unverschuldet in Not geratene katholische Bürger zu einem symbolischen Mietpreis wohnen. Bedingung ist allerdings das tägliche Gebet für die Stifter. Auch Wolfgang Amadeus Mozarts Urgroßvater hatte hier gelebt.

Die Benediktbeurer
Gruppe in der
Fuggerei

Nach einigen Minuten Fußmarsch war dann die »Doppelkirche« St. Ulrich (evangelisch) / St. Ulrich und Afra (katholisch) erreicht. Gerade die barockisierte gotische Basilika St. Ulrich und Afra hinterließ bei den Teilnehmern eine bleibenden Eindruck. Hier sind auch die Diözesanpatrone Ulrich, Afra und Simpert begraben.

Auf die Spuren der Familie Fugger stießen die Benediktbeurer Studierenden erneut in der Augsburger Prachtstraße, der Maximilianstraße. Im Fuggerpalais verhörte vom 12. bis zum 14. Oktober 1518 Kardinal Cajetan den Reformator Martin Luther, ohne ihn jedoch zum Widerruf seiner Thesen bewegen zu können.

Höhepunkt der Exkursion war der Besuch der evangelischen St.-Anna-Kirche. Im dazugehörigen Karmeliterkloster hatte Luther während des Verhörs durch Cajetan gewohnt. Die »Lutherstiege« erinnert heute noch an die Reformationsgeschichte. In St. Anna wurde im Jahre 1999 die Gemeinsame Erklärung der Katholiken und Lutheraner zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet.

Unter den Exkursionsteilnehmern bestand Einmütigkeit darüber, daß erstens die Kommilitonin Stefanie brillant referiert hatte und daß zweitens ein Besuch in Augsburg die Geschehnisse des Reformations- und Konfessionalisierungszeitalters besser verdeutlichen kann als so manches gelehrte Buch.

Und der blaue Luftballon? Nach der Dombesichtigung befand er sich tatsächlich noch immer an seinem »Parkplatz«, so daß Brigitte ihn wieder an sich nehmen konnte. In den anderen Kirchen der Stadt – egal ob evangelisch oder katholisch – gab es keine Beanstandungen. Der Luftballon gelangte heil nach Benediktbeuern, und Brigitte hat ihn einer Freundin geschenkt, die an diesem Tag ihren 21. Geburtstag feierte.

PTH Benediktbeuern / Pressestelle / 9. Juni 2004
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