Salesianische Geschichte in Mittel- und Westeuropa

»Salesianische Geschichtsschreibung sollte grenzüberschreitend betrieben werden«

Die Benediktbeurer Theologieprofessoren Pater Dr. Jacques Schepens SDB (62) und Pater Dr. Norbert Wolff SDB (42) sind sich einig, daß ein Blick über den nationalen Zaun auf keinen Fall schaden kann. Beide gehören der salesianischen Geschichtsvereinigung »Associazione Cultori di Storia Salesiana« an, auf deren Tagungen zumeist italienisch gesprochen wird. Da im mittel- und westeuropäischen Raum die Italienischkenntnisse in der Regel nicht so gut sind, ergriffen sie schon vor zwei Jahren die Initiative und luden zu einer englischsprachigen Tagung ein. Rund 20 Salesianer, Don-Bosco-Schwestern, Volontarie di Don Bosco und Salesianische Mitarbeiter kamen im November 2002 in Benediktbeuern zusammen.

Norbert Wolff (li.), Jacques Schepens (re.)

Im Jahre 2004 wird es eine Neuauflage geben, diesmal in der flämischen Heimat des Religionspädagogen Schepens. Vom 30. Oktober bis zum 1. November möchte man sich im Oasecentrum von Groot-Bijgaarden bei Brüssel (einer salesianischen Jugendbildungsstätte, vergleichbar dem Benediktbeurer Aktionszentrum) treffen. Wiederum richtet sich die Einladung an Menschen aus Irland, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn, der Slowakei, Tschechien und Polen, die an der Geschichte der Salesianischen Familie interessiert sind. Wie der Kirchenhistoriker Wolff betont, können außer Ordensleuten etwa auch Lehrer an salesianischen Schulen oder Studenten, die sich in ihren Abschlußarbeiten mit Don Bosco befassen, teilnehmen.

Bei der Tagung wird es schwerpunktmäßig um die »Salesianische Geschichte in politisch schwierigen Zeiten« gehen. Im mittel- und westeuropäischen Raum finden sich nämlich bestimmte historische und soziale Phänomene, die eine internationale Kooperation der Ordenshistoriker nahelegen: Kulturkampf, (Arbeits-)Migration, zwei Weltkriege, Nationalsozialismus und Kommunismus, Säkularisierung, Kirche-Staat-Beziehungen, missionarische Aktivitäten. Von diesen Phänomenen sind zwar nicht alle beteiligten Länder in gleichem Maße betroffen, dennoch finden sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit. Von den potentiellen Teilnehmern sind schon einige einschlägige Referatsthemen angemeldet worden:

Die slowakische Don-Bosco-Schwester Kamila Novosédliková wird über ihre Erfahrungen beim Abfassen einer Provinzgeschichte sprechen. Da es in der kommunistischen Zeit nicht ratsam war, zu viele schriftliche Spuren zu hinterlassen, werden bei ihr die mündlichen Quellen eine wichtige Rolle spielen - und damit auch die methodologischen Schwierigkeiten, die dem Forscher bei der Benutzung dieser Quellen begegnen.
Schwester Maria Maul aus dem oberösterreichischen Vöcklabruck möchte über die Zusammenarbeit von Salesianern und Don-Bosco-Schwestern referieren. 1922 kamen die Schwestern nach Deutschland und sechs Jahre später nach Österreich. Insbesondere der damalige Provinzial und spätere Benediktbeurer Direktor Pater Franz Xaver Niedermayer förderte diese Zusammenarbeit.
Pater Norbert Wolff beschäftigt sich mit dem »vergessenen« Salesianerhaus von Sierck/Diedenhofen in Lothringen. Von 1904 bis 1917 engagierten sich italienische und deutsche Salesianer in der Seelsorge an die italienischen Arbeitsmigranten, welche in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Elsaß-Lothringen lebten.
Peter Roebuck, Laie, ehemaliger Schüler der englischen Salesianer, Geschichtsprofessor und »Provost« des Standorts Coleraine der nordirischen Ulster University, hat einen Vortrag über P. Frederick Couche, den Salesianerprovinzial zur Zeit des Zweiten Weltkriegs angekündigt.
Für die Zeit des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs interessiert sich auch Pater Johannes Wielgoß, Geschichtslehrer am Essener Don-Bosco-Gymnasium. Er hat bereits mehrere Beiträge zur salesianischen Geschichte veröffentlicht und sich unter anderem mit dem ehemaligen Benediktbeurer (und Essener) Direktor Pater Theodor Hartz befaßt, der im Dachauer KZ umkam.

Bei der salesianischen Geschichtstagung sollen die Geschichte und die Kultur des Gastlandes nicht zu kurz kommen. Es ist ein Besuch in der Universitätsstadt Löwen (Leuven) mit dem gotischen Rathaus, der Peterskirche und dem Beginenhof geplant. Pater Schepens wird bei dieser Gelegenheit die Don-Bosco-Bibliothek im nahegelegenen Oud-Heverlee vorstellen – die wohl am besten ausgestattete salesianische Fachbibliothek im mittel- und westeuropäischen Raum.

Weitere Informationen zur Tagung gibt es im Internet unter:

www.pth-bb.de/acssa

PTH Benediktbeuern / Pressestelle / 22. Mai 2004
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