Ökologisches Wissen im Alten Testament
und das Wirtschaftssystem im Antiken Israel

Ein Vorbild für uns heute?

Gemeinsam luden die Clearingstelle Kirche und Umwelt der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benediktbeuern und das Zentrum für Umwelt und Kultur am 20. April zu einem Vortrag über Ökologie im Alten Testament ein. Gastreferent war der Göttinger Forstbotaniker Professor Aloys Hüttermann, der seit mehr als zwei Jahrzehnten die Schriften und Gesetze des Alten Testaments auf ihren biologischen Gehalt hin untersucht und dabei zu erstaunlichen Ergebnissen kommt. Den Rahmen und aktuellen Bezugspunkt der Veranstaltung bildete das Forschungsprojekt »Kirchliche Beiträge zu einer nachhaltigen Landwirtschaft«, das die Clearingstelle derzeit durchführt.

Hüttermann vertritt die These, daß das Judentum die einzige Religion ist, die von ihren Gläubigen sehr genaue Biologiekenntnisse abfordert. Daher war der Stand des biologischen, hygienischen und ökologischen Wissens im antiken Israel außerordentlich hoch. Die damals von den Israeliten auf dem Wege einer genauen Beobachtung der Natur gewonnenen Erkenntnisse hatten einen Standard, der in der abendländischen Wissenschaft teilweise erst wieder im vorigen Jahrhundert erreicht worden ist. Dieses Wissen war die Grundlage für sehr profunde und strenge Regelungen zum schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen, die im Gesetzeswerk das Alten Testaments enthalten sind.

Der hohe Stand der biologischen Forschung und die Verknüpfung von Biologie und Liturgie im Antiken Israel wurden anhand eines Beispiels aus dem Talmud ausgeführt. Um während einer wichtigen liturgischen Handlung den richtigen Segen zu sprechen, mußten die Israeliten eigens Experimente anstellen, um wichtige biologische Sachverhalte herauszufinden. So ist im Talmud die früheste Beschreibung und Auswertung eines botanischen Experiments im heutigen Sinne enthalten.

Den Israeliten war die Begrenztheit ihrer Ressourcen bekannt. Sie wußten, daß sie nur dann über längere Zeiträume hinweg Landwirtschaft betreiben konnten, wenn sie den Boden nicht übernutzten. Dies kommt in einer Metapher zum Ausdruck, die heute völlig anders verstanden wird: die Beschreibung des verheißenen Landes als eines, das »von Milch und Honig überfließt«. Milch und Honig stehen für die Beschaffenheit des Landes. Milch wird von Ziegen und Schafen gewonnen, Honig von Bienen. Beide sind Produkte einer bestimmten Vegetationsform, der Macchie. Dabei handelt es sich keineswegs um ein Schlaraffenland, sondern um Boden, der nur bei intensiver Pflege und schonender Nutzung landwirtschaftlich genutzt werden kann. Wenn dies nicht mehr in richtiger Weise geschieht, wird er wieder eine unwirtliche Wildnis.

Aufbauend auf ihren Kenntnissen und dem Bewusstsein der schwierigen Bedingungen unter denen sie wirtschaften mußten, organisierten die Israeliten eine »schöpfungsgerechte« Landwirtschaft. Diese war durch die folgenden Merkmale gekennzeichnet:

Dieser Ansatz versetzte das Judentum in die Lage, über einen Zeitraum von 1.800 Jahren hinweg im kargen Judäischen Bergland am Rande der Wüste erfolgreich zu wirtschaften. Er enthält wesentliche Merkmale, die wir heute mit dem Begriff »Nachhaltigkeit« umschreiben.

Unter nahezu jedem anderen Volk, das in einer ähnlichen Umwelt lebte, sind in regelmäßigen Abständen verheerende Hungersnöte ausgebrochen. Teilweise sind Völker aus mangelndem Verständnis der Natur sogar ausgestorben. Bei den Juden gab es trotz der ziemlich ungünstigen Voraussetzungen keine verheerenden Hungersnöte. Um es mit einem Schlagwort auszudrücken, das erst vor rund dreißig Jahren ins Bewußtsein der Bevölkerung gedrungen ist: das antike Israel ist mit großer Wahrscheinlichkeit das einzige Beispiel für eine über viele Jahrhunderte hinweg nachhaltig praktizierte Volkswirtschaft.

Wenn wir inzwischen nachhaltiges Wirtschaften als Überlebensfrage für die Menschheit auf unserem Globus ansehen, dann können wir von den religiösen Quellen des Antiken Israel auch für unsere Zivilisation wichtige Dinge lernen. Prof. Hüttermann, bisher als einziger Deutscher zum Ehrenbürger der Hebräischen Universität in Jerusalem ernannt, versteht es, aus den weithin unbekannten Gesetzestexten des Alten Testamentes sowie talmudischen Kommentaren höchst rationale, weitblickende und handlungswirksame Aspekte des Schöpfungsglaubens zu entdecken.

Prof. Dr. Markus Vogt / 6. Mai 2004
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