Kirchliche Beiträge zu einer nachhaltigen Landwirtschaft

Benediktbeurer Clearingstelle initiierte Osnabrücker Fachtagung

Neue Rahmenbedingungen und Perspektiven für die Landwirtschaft sind ein Schlüssel für die Zukunft ländlicher Räume, für weltweite Ernährungssicherung und für Schöpfungsverantwortung. Seit Jahren gibt es ein intensives Engagement der Kirchen in der Landwirtschaft, da diese maßgeblich ist für die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung.

Auf Initiative der Clearingstelle Kirche und Umwelt fand am 25. und 26. März in Osnabrück eine Tagung statt, um die großen Potentiale der Kirchen zu diskutieren, zu aktivieren und ökumenisch zu bündeln. Die Tagung »Kirchliche Beiträge zu einer nachhaltigen Landwirtschaft« wurde von acht kirchlichen Verbänden und Organisationen mitgestaltet und getragen. Gastgeber war die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU). Von über zwanzig Referenten wurde ein umfassendes Bild gegenwärtiger Probleme, tragender Werte und künftiger Chancen nachhaltiger Landwirtschaft entworfen.

Diskussionsgrundlage waren der im Frühjahr 2003 von der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebene Diskussionstext »Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft« (Gemeinsame Texte 18), das Plädoyer des Zentralkomitees der deutschen Katholiken »Agrarpolitik muss wieder Teil der Gesellschaftspolitik werden« (ZdK, 22. November 2003) und die Studie der Kammer für Entwicklung und Umwelt der EKD »Ernährungssicherung und Nachhaltige Entwicklung« (EKD-Texte 67). Unter dem Motto »Von der Denkschrift zur Tat« wurden die Analysen und Impulse dieser Texte mit ca. 100 Akteuren diskutiert und in lebendiger Ökumene Handlungsperspektiven entworfen.

Mit der Leitthese, daß die wachsende Weltbevölkerung nur durch Intensivierung der Landwirtschaft ernährt werden könne, bezog Friedrich-Wilhelm Steensen (Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes) gleich zu Beginn der Tagung ausgesprochen kontrovers Stellung zum Gemeinsamen Text der Kirchen. Dem setzte Dr. Rudi Buntzel-Cano seine Erfahrungen im Evangelischen Entwicklungsdienst entgegen, daß der primäre Engpaß für weltweite Ernährungssicherung nicht die Menge an verfügbaren Nahrungsmitteln auf dem Weltmarkt sei, sondern der Verlust eigenständiger landwirtschaftlicher Strukturen und Kompetenzen in Entwicklungsländern. Die vielfältigen Fehlentwicklungen globaler Landwirtschaft können nur überwunden werden durch eine Verankerung der Ökosozialen Marktwirtschaft auf globaler Ebene, auch in der WTO und den internationalen Finanzmärkten – so Vizekanzler a.D. Dr. Josef Riegler (Vorgänger von Fischler als Agrarminister in Österreich, derzeit Präsident des Ökosozialen Forums Europa).

Angesichts intensiver Kontroversen um die Europäische Agrarpolitik erläuterte Dr. Martin Scheele (Generaldirektion für Landwirtschaft der EU), daß viele Forderungen des Gemeinsamen Textes der Kirchen zur Entkoppelung der Transferzahlungen von der Produktion in der Gemeinsamen Agrarpolitik seit Sommer 2003 bereits umgesetzt werden und sich die EU weiter um einen Konsens für den Abbau handelsverzerrender Subventionen müht. Dabei maß er der Stimme der Kirchen eine wichtige Rolle für die Klärung ethischer Grundlagen gerechter Konfliktlösungen bei. Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft) sieht die Zukunft der Landwirtschaft u.a. in der stärkeren Beachtung, Ermöglichung und Unterstützung der ökologischen und landschaftspflegerischen Leistungen. Sein Plädoyer für eine Synthese aus Tradition und Fortschritt im bäuerlichen Berufsbild gipfelte in der These: »No culture without agriculture.«

Immer wieder kam bei der Diskussion die Schlüsselrolle der Verbraucher für die Ermöglichung einer Landwirtschaft, die ökonomische, ökologische und soziale Qualitätskriterien erfüllt, in den Blick. So hob Christa Nickels, MdB und umweltpolitische Sprecherin des ZdK, die Verantwortung der Kirchen und jedes einzelnen Christen durch »Politik mit dem Einkaufskorb« hervor. Nachhaltiger Einkauf sei Grundlage für eine nachhaltige Landwirtschaft. Konsens der Diskussion war, daß die Glaubwürdigkeit kirchlicher Stellungnahmen durch entsprechendes Handeln unterstrichen werden muß. Allein die kirchlichen (Groß-)Küchen in Krankenhäusern, Verwaltungsgebäuden, Kindertagesstätten, Bildungshäusern, Alten- und Behindertenheimen bieten dazu mit ihrem Einkaufsvolumen von schätzungsweise einer Milliarde Euro pro Jahr große Potentiale. Die christliche Tradition bietet viele Anknüpfungspunkte für die Trendwende zu einer Ernährungskultur, die nicht auf Verzicht, sondern auf Qualitätsbewusstsein und Wertschätzung beruht.

Konkrete Handlungsmöglichkeiten der Kirchen wurden in praxisorientierten Arbeitsgruppen mit den Tagungsteilnehmern diskutiert. Impulse dazu gaben u.a. Mitglieder der Katholischen Landvolkbewegung und des Evangelischen Bauernwerkes, Wissenschaftler sowie die Umweltbeauftragten beider Kirchen zu Themen wie z.B. Berufsbild »Landwirt«, Verbraucherverantwortung, Innovation durch nachwachsende Rohstoffe – vom Landwirt zum Energiewirt, Regionalvermarktung und Grüne Gentechnik. Die Brisanz dieser Diskussion wurde durch die gleichzeitigen Beratungen der Agrarminister in Osnabrück und die Demonstrationen gegen Grüne Gentechnik unterstrichen. Als authentische Stimme zum Beitrag der Grünen Gentechnik zur Welternährung sprach sich J.E. Yap aus den Philippinen für den Schutz bestehender Kultursorten in Entwicklungsländern aus.

Im Kontext der Tagung entsteht derzeit in ähnlichem Trägerkreis ein »Praxisbuch zum Mehr-Wert nachhaltiger Landwirtschaft«. Über 40 Erfahrungsberichte und Diskussionsbeiträge werden unter dem Titel: »... es soll nicht aufhören Saat und Ernte« zusammengestellt. Das Buch wird im Don-Bosco-Verlag voraussichtlich im Mai erscheinen.

Prof. Dr. Markus Vogt / 2. April 2004
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